Mädchen und Jungen rechnen gleich gut

Mädchen und Junge rechnen an der SchultafelDie in der neusten Ausgabe der Fachzeitschrift Psychological Bulletin (Januar 2010) veröffentlichten Ergebnisse haben ein breites Medienecho erfahren. Die Wissenschaftlerinnen Else-Quest, Hyde und Linn gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, wieso Frauen in den sog. MINT-Fächern (also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie) unterrepräsentiert sind und ob die landläufige Auffassung, dass Jungen besser rechnen können als Mädchen empirisch belegt oder entkräftet werden kann.

Else-Quest und Kolleginnen bedienen sich eines statistischen Verfahrens, das es ermöglicht, die Ergebnisse unterschiedlicher Studien, die aber dasselbe zu messen beanspruchen, zu bündeln und so Fehler, die z.B. durch die Verwendung eines bestimmten Tests entstanden sind, zu verringern. In dieser sog. Metaanalyse wurden die Daten zweier großer internationaler Vergleichsstudien (TIMSS und PISA) reanalysiert, so dass die Begutachtung möglicher Geschlechtsunterschiede auf den Daten von knapp 500.000 Schülern im Alter von 14-16 Jahren basieren.

Das erfreuliche Ergebnis: Über alle 69 Länder hinweg betrachtet ergaben sich keine bedeutsamen Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern (die durchschnittliche Effektgröße ist gering, d = .15, weitere Informationen zum Maß der Effektstärke, dem sog. Cohen’s d bei wikipedia). Innerhalb der einzelnen Länder fallen die Geschlechtsunterschiede jedoch höher aus: So schneiden in Bahrain die Mädchen leicht besser in Mathematik ab als die Jungen (d = -0.42), in Tunesien liegen demgegenüber die Jungen vorn (d = 0.40). Bahrain und Tunesien stellen die Extrempunkte in der Verteilung der Geschlechtsunterschiede dar. Für Deutschland liegen nur die Daten aus der PISA-Studie vor; hier sind die Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern vernachlässigbar (d = .09).

Zwei weitere Erkenntnisse aus der Studie:

  • Obwohl Jungen und Mädchen in beiden Schulleistungsstudien faktisch gleich gut abschneiden, berichten Jungen im Vergleich zu Mädchen von einer positiveren Einstellung gegenüber bzw. Wertschätzung von Mathematik.
  • Über verschiedene Länder mit unterschiedlicher Gesellschaftsstruktur hinweg betrachtet lässt sich folgender Trend ablesen: Sind Frauen im gleichem Maße wie Männer am Berufsleben (und hier insbesondere in den Wissenschaftsberufen) und dem Parlament beteiligt, dann fallen die Geschlechtsunterschiede geringer aus.

Was ist Ihre Meinung zu dem Thema Geschlechtsunterschiede in Mathematik? Gibt es vielleicht dennoch Bereiche innerhalb der Mathematik, in denen Jungen besser abschneiden als Mädchen oder andersherum? Von welchen Faktoren hängt eine optimale Förderung ab? Wie ist es Ihnen während der Schulzeit im Mathematikunterricht ergangen? Diskutieren Sie mit und hinterlassen Sie einen Kommentar!

Originalartikel

Else-Quest, N. M., Hyde, J. S. & Linn, M. C. (2010). Cross-national patterns of gender differences in Mathematics: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 136, 103–127.

Schreibe einen Kommentar